Die zuvor genannte grosse Idee bzw. eine «schöne Frage» kann neben curricularen Vorgaben bei der Formulierung von konkreten Lernzielen helfen.
Grundsätzlich sollen Lernziele kurz, aktiv, eindeutig und nachprüfbar formuliert werden. Häufig wird hier auf das griffige Akronym SMART zurückgegriffen:

Für konkrete Zielformulierungen gelten die folgenden Kriterien. Lernziele…
- wirken aktivierend,
- sind klar und verständlich formuliert,
- sind herausfordernd, aber erreichbar,
- sind beobachtbar und damit überprüfbar,
- sind anregend für ein vertieftes Lernen,
- unterstützen die Integration mit Vorwissen, von verschiedenen Themenbereichen, zwischen Theorie und Praxis,
- fördern die persönliche und soziale Entwicklung,
- sind zukunftsfähig.
Betrachten wir nun einige Beispiele für Lernzielformulierungen anhand zentraler Aspekte:
Anforderungsniveau
Lernziele sollten ein angemessenes kognitives Niveau anstreben – idealerweise tiefenorientiertes Lernen, bei dem Studierende Inhalte nicht nur wiedergeben, sondern verstehen, anwenden und kritisch reflektieren.
Statt: «Die Studierenden kennen das Ohmsche Gesetz.»
Besser: «Die Studierenden können das Ohmsche Gesetz auf reale elektrische Schaltungen anwenden.»
Handlungsorientierung
Lernziele sollten so formuliert sein, dass das angestrebte Verhalten oder Ergebnis beobachtbar und überprüfbar ist. Dies erleichtert die Evaluation des Lernerfolgs.
Statt: «Die Studierenden verstehen die Bedeutung von Nachhaltigkeit.»
Besser: «Die Studierenden können ein Konzept für nachhaltige Ressourcennutzung in einem konkreten Unternehmenskontext entwickeln.»
Lernzielbereiche
Lernziele können sich auf verschiedene Dimensionen beziehen.
- Kognitiv (Wissen, Denken): «Die Studierenden können Ursachen und Folgen von Klimawandel anhand wissenschaftlicher Daten analysieren.»
- Affektiv (Einstellungen, Werte): «Die Studierenden können ihre persönliche Haltung zu Konsumverhalten reflektieren.»
- Sozial (Zusammenarbeit, Kommunikation): «Die Studierenden können im Team arbeiten, um ein gemeinsames Projektziel zu erreichen.»
Bezug zum Gesamtziel
Einzelne Lernziele sollten in einem sinnvollen Zusammenhang zum übergeordneten Ziel der Veranstaltung stehen. Lernen ist dann besonders wirksam, wenn es eingebettet ist und nicht isoliert erfolgt.
Wenn das Gesamtziel der Veranstaltung lautet: «Studierende können wirtschaftliche Zusammenhänge in globalen Kontexten beurteilen.», dann könnte ein Teilziel lauten: «Die Studierenden können die Auswirkungen internationaler Handelsabkommen auf lokale Märkte analysieren.»
Konkrete Formulierung
Allgemeine und wenig handlungsorientierte Lernzielformulierungen sind für die Lehrplanung sowie für die Studierenden nicht sehr hilfreich. So verstehen Lehrende bspw. unter dem Begriff »verstehen« oft etwas anderes als ihre Studierenden. Anstelle des unkonkreten Lernziels »Studierende verstehen die Eigenschaft des Vorwiderstands.« wäre folgende Aussage detaillierter, eindeutiger und für die Studierenden nachvollziehbarer: »Studierende können die Notwendigkeit, einen Vorwiderstand in ihr Bauteil einzubauen, erklären.«
Unabhängig davon, anhand welcher Taxonomie wir Lernziele formulieren, wird in allen Ansätzen mit Listen von möglichst spezifischen aktiven Verben gearbeitet. Diese Handlungsanweisungen werden in den Fachdidaktiken auch als Operatoren bezeichnet.
Verben für das aktive Formulieren von Lernzielen für Finks Lernzieldimensionen (Adaptiert nach Palmer, Bach & Streifer, 2014)
Wissen – welche Informationen & Konzepte sollten Lernende wissen?
definieren
erinnern
erklären
identifizieren
aufzählen
benennen
beschreiben
darstellen
paraphrasieren
verstehen
voraussagen
vortragen
Anwendung – welche Fähigkeiten sollten Lernende entwickeln?
demonstrieren
einschätzen
entscheiden
erklären
erstellen
erzeugen
evaluieren
fragen
katalogisieren
analysieren
abstrahieren
berechnen
beurteilen
bestätigen
bewältigen
bewerten
diagnostizieren
diskutieren
koordinieren
kritisieren
lösen
organisieren
planen
präsentieren
Probleme lösen
untersuchen
verwenden/ anwenden
Integration – welche Verbindungen sollten Lernende erkennen und selber herstellen?
relativieren
unterscheiden
verbinden
vergleichen
Ähnlichkeiten feststellen
aufeinander beziehen
in Beziehung setzen
zuordnen
zusammenfassen
Zusammenhänge erkennen
menschliche Dimension – was Lernende über sich und in Beziehung mit anderen lernen sollen
kooperieren
kritisch
reflektieren
motivieren
respektvoller Umgang
sich ausdrücken
beraten
mit anderen interagieren
andere verstehen Feedback geben/nehmen
Konflikte lösen
sich selbst/andere wahrnehmen als…
unterstützen
Verantwortung übernehmen
verhandeln
zusammenarbeiten
Werte/Caring – welche Ansichten, Interessen und sozialen Aspekte sollen Lernende reflektieren?
entscheiden
erklären
begeistert sein von…
bereit sein für…
entdecken
(stärkeres) Interesse haben an…
wertschätzen
zustimmen
Lernen, zu lernen – wie lernen Lernende selbstbestimmt?
reflektieren
untersuchen
beschreiben wie…
Fragen formulieren
Lernpläne entwickeln
Verantwortung übernehmen
wichtige Informationsquellen identifizieren
Wissen anwenden
Formulierungsschema
In der untenstehenden Abbildung findest du ein Formulierungsschema für die gelungene Formulierung von (Fein-) Lernzielen anhand eines Beispiellernziels für das Formulieren von Lernzielen nach dem Lernzielrad von Fink.

Dabei sind auch Varianten möglich. Statt «Kann-Aussagen» wird gelegentlich auch «sind in der Lage» verwendet. Je nach Kontext kann auch eine direkte Ansprache sinnvoll sein, z.B. Am Ende dieses Kurses können Sie die Feinziele Ihrer Unterrichtseinheit mithilfe der Dimensionen von Dee Fink formulieren. Oder auch eine Ich-Form: Ich kann… formulieren. Die Orientierung an diesem Raster hilft dabei, konkrete Lernziele spezifisch zu formulieren und kann auch als Check dafür dienen. Es zeigt sich z.B., dass in Lernzielformulierungen häufig genutzte Verben wie «kennen», «verstehen» oder «wissen» nicht gut in Kombination mit «können» funktionieren, wenig handlungsorientiert und unspezifisch sind. Selbst bei Lernzielen auf der Wissensebene ist nicht klar, was genau mit «wissen», «verstehen» oder «kennen» gemeint ist und wie Studierende dies zeigen können.
Beispiele für die Formulierung von Lernzielen
Abschliessend findest du hier Beispiele für die Formulierung von Lernzielen anhand der sechs Dimensionen des Lernzielrads für eine Robotik-Veranstaltung für Erstsemester: «Die Studierenden können …
- grundlegende Strukturen von Bauteilen und Systemen der Robotik erklären (Fachwissen);
- mit den Bauteilen experimentell umgehen (Anwendung);
- die Anwendung ihres Roboters mit möglichen sozialen Folgen des Einsatzes von Robotern in der Industrie in Beziehung setzen (Integration);
- die Kenntnisse bzw. Ideen der anderen Teammitglieder berücksichtigen (menschliche Dimension);
- die Arbeitsweise und Haltung von Robotik-Ingenieur:innen wertschätzen (Werte-Caring);
- sich in den asynchronen Arbeitsphasen zunehmend besser auf die Team-Treffen vorbereiten (Lernen zu lernen).»
In den Beispielen wurden die Lernziele zur Veranschaulichung möglichst einzelnen Dimensionen zugeordnet. Häufig spricht ein gutes Lernziel jedoch sogar explizit mehrere Dimensionen an, was sowohl sinnvoll als auch erwünscht ist. Dadurch ergänzen und verstärken sie sich gegenseitig und ermöglichen sinnhaftes und nachhaltiges Lernen.
Zum Überlegen
- Was sollen meine Studierenden am Ende einer Lehrveranstaltung oder Lehreinheit tatsächlich können?
- Sind meine Lernziele so formuliert, dass sie für die weitere Planung von Inhalten, Lernaktivitäten und Leistungsnachweisen Orientierung geben?
Notiere gegebenenfalls Stichworte, damit du deine Lernziele weiter präzisieren kannst.