Strukturen setzen Rahmen, doch erst die Lernkultur entscheidet darüber, wie diese Rahmenbedingungen erlebt und genutzt werden. Lernkultur beschreibt die Haltungen, Normen und sozialen Praktiken, die den Alltag in digitalen Lehr-Lernumgebungen bestimmen. Sie zeigt sich im Umgang mit Fehlern, in der Diskussionsbereitschaft und in der Art und Weise, wie Verantwortung geteilt wird.
Transparenz
Eine lernförderliche digitale Kultur ist von Transparenz geprägt. Erwartungen an Beteiligung, Kommunikation und Zusammenarbeit sollten offen formuliert und gemeinsam getragen werden. Dies unterstützt ein Klima, in dem Themen frühzeitig angesprochen und Missverständnisse reduziert werden können. Ebenso bedeutsam ist Fehlerfreundlichkeit. Digitale Lernangebote eröffnen Möglichkeiten zur iterativen Bearbeitung, etwa durch Rückmeldeschleifen oder Austausch in Gruppen. Damit solche Prozesse produktiv werden, sollte klar sein, dass Fehler als normaler Bestandteil von Lernprozessen gelten und nicht sanktioniert werden.
Rollenverständnis
Unterschiedliche Rollenverständnisse prägen die Kultur ebenfalls. Lehrende agieren nicht ausschliesslich als Wissensvermittelnde, sondern als Moderierende und Unterstützende. Lernende bringen sich aktiv ein, übernehmen Verantwortung und gestalten Prozesse mit. Die Übernahme gemeinsamer Verantwortung führt dazu, dass Lernprozesse sichtbarer werden und Gruppenarbeiten tragfähiger funktionieren.
Eine wertschätzende digitale Lernkultur berücksichtigt schliesslich unterschiedliche Ausgangssituationen. Digitale Lehre erreicht Menschen mit verschiedenen technischen Voraussetzungen, Vorwissen und zeitlichen Ressourcen. Eine sensible, offene Haltung gegenüber dieser Vielfalt erleichtert den Zugang und fördert die Motivation. Die Kultur entsteht aus der kontinuierlichen Aushandlung und Pflege solcher Grundhaltungen im Kursverlauf.
Beispiel Lea
Lea möchte, dass ihre Studierenden Unterrichtsentwürfe offen diskutieren und gemeinsam weiterentwickeln. Zu Beginn der Lehrveranstaltung klärt sie deshalb mit der Gruppe, wie Zusammenarbeit und Rückmeldungen gestaltet werden sollen.
Transparenz
Lea macht deutlich, was sie von der Beteiligung, der Zusammenarbeit und dem Peer Feedback erwartet. Gemeinsam mit den Studierenden hält sie wenige verbindliche Regeln fest. Rückmeldungen sollen konkret, begründet und wertschätzend formuliert werden.
Fehlerfreundlichkeit
Die ersten Unterrichtsentwürfe werden nicht benotet. Sie dienen als Arbeitsgrundlage und dürfen überarbeitet werden. Lea zeigt anhand eigener Beispiele, dass auch vermeintlich gute Planungen Schwächen enthalten können. Fehler und unterschiedliche Einschätzungen werden als Ausgangspunkt für fachliche Diskussionen genutzt.
Gemeinsame Verantwortung
Lea moderiert den Lernprozess, gibt aber nicht für jede Frage sofort eine Lösung vor. Die Studierenden bringen eigene Erfahrungen ein, unterstützen sich gegenseitig und übernehmen Verantwortung für die Gruppenarbeit. Rollen innerhalb der Gruppen werden abgesprochen und bei längeren Aufgaben gewechselt.
Unterschiedliche Voraussetzungen
Lea berücksichtigt, dass die Studierenden verschiedene Praxiserfahrungen, digitale Kompetenzen und zeitliche Möglichkeiten mitbringen. Sie bietet verständliche Anleitungen, verschiedene Zugänge zu den Materialien und Möglichkeiten für Rückfragen an.
So entsteht eine Lernkultur, in der Unsicherheiten angesprochen, unterschiedliche Perspektiven ernst genommen und Unterrichtsentwürfe schrittweise weiterentwickelt werden können.

Struktur oder Kultur?
Ordne die folgenden Aussagen den Kategorien «Struktur» oder «Kultur» zu.
Zum Überlegen
- Welche Strukturen geben meinen Studierenden Orientierung und wo entstehen möglicherweise unnötige Hürden?
- Welche Lernkultur möchte ich in meiner Lehrveranstaltung fördern und wie wird sie im konkreten Handeln sichtbar?
Notiere gegebenenfalls Stichworte dazu, welche strukturellen oder kulturellen Aspekte du in deiner Lehrveranstaltung weiterentwickeln möchtest.