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Lernziele entwickeln

Wenn du Lernziele für eine Veranstaltung entwickelst, orientierst du dich an den Vorgaben der Modulhandbücher, deren Zielformulierungen sich häufig auf eine mittlere Betrachtungsebene beziehen. Hier sind die Ziele meist recht formal und eher schwer verständlich formuliert. Du solltest sie daher nicht 1:1 übernehmen, sondern für die eigene Lehrveranstaltung möglichst konkret und nachvollziehbar sowie handlungsorientiert darstellen. Man spricht hier auch von «operationalisieren». Ausserdem ist es sinnvoll, diese konkreten Ziele mit den Studierenden gemeinsam vor dem Hintergrund curricularer Vorgaben anzupassen oder sogar auszuhandeln. Die Orientierung an den übergeordneten Zielen des Curriculums trägt zur Kohärenz des Studiengangs bei. Curriculare Vorgaben sind somit wichtige Kontextbedingungen für die Lehrplanung.

Von der grossen Idee zum konkreten Lernziel

Um konkrete Lernziele zu entwickeln, startest du idealerweise mit dem «Ende» des Lernprozesses und gelangst schrittweise von einem längerfristigen grösseren Zielpunkt rückwärts über Grobziele bis hin zu spezifischen und operationalisierten Feinzielen (Backward Design).

Das übergeordnete Ziel einer Lehrveranstaltung kannst du dir als «grosse Idee» vorstellen: Welche Konzepte und (Denk-) Strukturen sind dir so wichtig, dass die Studierenden sie mitnehmen und auch später in anderen Kontexten anwenden können sollen? Diese «grosse Idee» kann als Frage formuliert werden, die die Studierenden dazu inspirieren soll, sich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Eine solche «Beautiful Question» (Bain, 2004, S. 100) ist eine faszinierende oder verblüffende Frage, die Studierende herausfordern und aktivieren soll. Sie kann unterschiedlich ausgerichtet sein. Soll sie Wissen abfragen oder als Einstieg in ein Thema fungieren, indem sie Neugier weckt, irritiert oder gar provoziert? Interessante, attraktive Fragen dürfen verunsichern. Sie regen an, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, herkömmliche Denkstrukturen und Handlungsmuster zu hinterfragen, Entscheidungen zu fällen, die eigene Meinung zu verteidigen und damit selbst Wissen zu konstruieren. Auch können sie dazu motivieren, sich mit neuen Themen zu befassen und dabei unvermutete Einsichten zu gewinnen. Denn nach dem konstruktivistischen Ansatz des Lernens besteht bei Überraschungen Lernbedarf.

Einige Beispiele für «schöne Fragen» aus unterschiedlichen Fächern lauten: «Denken ohne Sprache?» (Linguistik), «Warum hast du Sex?» (Evolutionsbiologie), «Wie lässt sich Wirklichkeit einfangen?» (Soziologie), «Woher wissen wir, was wir (nicht) können?» (Erziehungswissenschaft) oder «Wie werde ich vom Ingenieur zum Entrepreneur?» (Ingenieurwissenschaft).

Beispiel Lea: Eine «Beautiful Question» entwickeln

Leas Studierende sollen Unterrichtsentwürfe nicht nur anhand vorgegebener Kriterien prüfen. Sie sollen verstehen, wie didaktische Entscheidungen das Lernen von Schülerinnen und Schülern beeinflussen. Als übergeordnete Frage für ihre Lehrveranstaltung formuliert Lea deshalb:

Kann Unterricht gut geplant sein und trotzdem am Lernen vorbeigehen?

Die Frage irritiert und eröffnet verschiedene Perspektiven. Sie fordert die Studierenden dazu auf, zwischen einem formal überzeugenden Unterrichtsentwurf und einem tatsächlich lernförderlichen Angebot zu unterscheiden. Lea kann die Frage zu Beginn der Lehrveranstaltung einführen und im weiteren Verlauf immer wieder aufgreifen.

Weitere mögliche «Beautiful Questions» für Leas Lehrveranstaltung sind:

Wann wird aus einer Unterrichtsplanung eine echte Lerngelegenheit?

Woran erkennen wir, ob ein Unterrichtsentwurf Lernen tatsächlich ermöglicht?

Wie viel Planung braucht guter Unterricht und wie viel Offenheit muss bleiben?

Was verändert sich, wenn wir Unterricht aus der Perspektive der Lernenden planen?

Ausgehend von der übergeordneten Frage kann Lea anschliessend konkrete Lernziele für die Lehrveranstaltung und für einzelne Lehreinheiten ableiten.