Bedarfsgruppe Motorik – digibasics
Version 1.0
Prototyp zur Erprobung

Bedarfsgruppe Motorik

Eine weitere Bedarfsgruppe, die von Barrierearmut in der digitalen Welt profitieren kann, ist die Gruppe von motorisch beeinträchtigten Personen. Motorische Beeinträchtigungen können mannigfaltig sein: Während einzelne Betroffene Schwierigkeiten mit der Feinmotorik haben, können andere nur noch einen einzelnen Muskel bewusst steuern. Die Diversität der Beeinträchtigung zeigt sich auch in den zahlreichen und individuellen assistiven Technologien, die bei dieser Bedarfsgruppe zum Einsatz kommen. Genauere Informationen dazu gibt es im Kapitel zu assistiven Technologien und Bedienungshilfen.

Für eine optimale Unterstützung durch assistive Technologien sind eine individuelle Analyse und auf die Person angepasste Einstellung der assistiven Technologien sehr wichtig. Zentral ist dabei, dass Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung den Computer nicht mit den Händen bedienen können, eine passende Alternative erhalten. Sobald eine Alternative gefunden wurde (vor allem für Eingabeberäte wie Maus und/oder Tastatur), können Computer und meistens auch verschiedene Programme bedient werden.

Daneben bieten auch einige Produkte oder (Software-)Anbieter eigene Einstellungen an, die die Barrierearmut unterstützen. Ein barrierearmes Word-Dokument kann von einer Tastatur besser angesteuert werden als ein nicht barrierearmes Dokument, da bei einem barrierearmen Word die Struktur und Formatierung stimmt, um nur ein Beispiel zu nennen.

Assistive Technologien und deren Nutzung

Assistive Technologien unterstützen beeinträchtigte Personen dabei, Inhalte wahrnehmen zu können. Ein paar Beispiele für solche Hilfsmittel:

  • Screen Reader / Sprachausgabe
  • Plastischer Reader
  • Untertitel
  • Audiodeskription
  • Bildschirmlupe
  • Spezialmäuse

Synonym zum Begriff «Assistive Technologien» werden häufig die Begriffe «Eingabehilfen» oder «Bedienungshilfen» verwendet.

René Kälin, Medizininformatiker, ist selbst von einer motorischen Beeinträchtigung betroffen. Im Video spricht er über assistive Technologien und einige Herausforderungen der E-Accessibility.

Interview mit R. Kälin (SWITCHtube)

Text zum Video «Interview mit R. Kälin»

Mein Name ist René Kälin. Ich bin selbstständiger Medizininformatiker und selbst von einer Behinderung betroffen und darum beschäftige ich mich seit ungefähr den späten 80er-Jahren, eigentlich schon als Jugendlicher, mit dem Thema Accessibility von Computern. Und ich habe auch ein paar Kunden, die ich in diesem Bereich berate und unterstütze. Wenn man wie ich historisch zurückschaut, dann muss man sagen, gab es früher praktisch keine Angebote, die man einfach so nutzen konnte.

Ich habe z. B. das Problem, dass ich selbst schlecht Tastenkombinationen drücken kann. Und ich habe mich dann schon früh mit dem Problem herumgeschlagen und habe zu Betriebssystemen wie Microsoft DOS 6.22 oder Windows 3.11 eigene Lösungen programmiert. Ich musste mich selbst mit dem Thema low-level programming auseinandersetzen und eigene Lösungen heranbasteln. Das hat sich mit dem Laufe der Zeit wesentlich verändert. Zumindest auf Microsoft-Seite habe ich das verfolgt. Mit der Einführung von Windows 95 hat man die ersten Einrastfunktionen im Betriebssystem eingebaut. Man hat die Tastaturmaus eingebaut und mittlerweile auch die Bildschirmtastatur oder einfache Spracherkennungssysteme.

Und das hat mir den Weg geebnet für Menschen mit Behinderung, diese Lösungen ohne grossen Aufwand nutzen zu können. In diesem Sinn haben sie einen Schritt in die Richtung Gleichstellung gemacht. Auch eine wesentliche Änderungen ist die Tatsache, dass früher Hilfsmittel, die man kaufen musste, hardwaremässig, diese hatten früher alle eigene Schnittstellen und Treibersoftware und man musste zum Teil Stunden investieren, bis die Fehlerhilfsmittel bei Kunden funktionierten. Ich spreche von Hilfsmitteln zum Beispiel von Joysticks, von speziellen Mäusen, von Spezialtastaturen usw. Heutzutage, mit der Einführung vom USB-Standard, haben praktisch alle die gleiche Schnittstelle.

Man braucht sehr viel seltener spezielle Treiberfunktionen. Man kann die einfach einstecken und es läuft. Die letzte grosse Änderung, die ich ausmachen kann, ist auf der Anwendungsebene. Früher war es auf der Anwendungsebene, sei es bei gekaufter installierter Software oder bei Online-Anwendungen, kein Thema, auf Accessibility zu achten. Seien es Geschichten, die Sehbehinderte oder auch Menschen mit Körperbehinderung brauchen. Man ging von einer allgemeinen Funktionalität aus. Man ging davon aus, jeder kann einen Computer bedienen und jeder sieht auch, was er bedient.

Erst mit der Zeit hat man sich mit Accessibility befasst und heutzutage ist es an sich praktisch ein «Must», dass man ein gewisses Level an Accessibility in den Anwendungen erfüllt. Das hat damit zu tun, dass gerade im öffentlichen Sektor eine gesetzliche Pflicht dazu gibt, dass man gewisse Standards erfüllen muss. Wenn man sich jetzt anschaut, wie sich die ganze Geschichte auswirkt, dann muss man sagen, das Ganze ist ein sehr wesentlicher Anteil an einer gesellschaftlichen Inklusion.

Menschen mit einer Behinderung sind mit diesen Verbesserungen sehr viel fähiger, am öffentlichen Leben, auch am Arbeitsleben, teilzunehmen. Wenn man wieder zum Bereich von Computerbedienung zurückgeht: Man kann es so machen, dass die meisten Funktionen in den Betriebssystemen integriert sind. So kann man jede Maschine brauchen. Man kann seine eigenen Einstellungen innerhalb von drei Minuten machen. Und eigene Hilfsmittel kann man dank Plug-and-Play einfach einstecken und es läuft. In diesem Sinne ist es eine wesentliche Erleichterung. Auch auf der Anwendungsebene gibt es mittlerweile Bedienungstandards, die für die Hersteller (mehr oder weniger) daran haltet, dass man an sich immer weiss, dass jeder Dinge bedienen kann und sich nicht speziell damit auseinandersetzen muss.

Diese Entwicklung geht sicherlich noch weiter. Ich sehe da gewisse Geschichten wie Unterhaltungselektronik, die sich dem gleichen Standard unterwerfen. Und ich glaube, es ist auch nötig, diese Entwicklung weiterzuführen. Trotzdem bin auch ich bei gewissen Dingen kritisch. Ich bin zum Beispiel ein sehr kritischer Kandidat gegenüber dem sogennanten e-Voting. Alles was die politischen Rechte in Form einer Online-Platform wahrnimmt. Grundsätzlich finde ich dies aus Sicht eines Menschen mit einer Behinderung sicher ideal. Auf der anderen Seite muss ich sagen, als Fachperson, als Informatiker:

Ich glaube, man wird niemals alle Lücken im Sicherheitsbereich schliessen können. Man kann da den Mathematiker Gödel zitieren im Sinne von: Es gibt immer ein System, das es schafft, ein anderes System zu knacken. Das ist mehr oder weniger frei übersetzt. Ich möchte sie nicht mit technischen Geschichten langweilen. Aber ich denke, das ist wirklich ein Thema, das man, bevor man Technologien einsetzt, die dann an sich eine ganze Gesellschaft betreffen, müsste man zuerst die gesellschaftliche Diskussion führen. Wie viel Risiko die Gesellschaft bereit ist, für eine Minderheit einzugehen. Und ich denke, aus meiner persönlichen Sicht, hat dieser Schritt noch zu wenig stattgefunden. Ich sage nicht, man soll e-Voting nicht einführen, aber die Frage, wie viel Risiko ist man bereit einzugehen, wurde noch nicht wirklich zu Ende geführt.

Und wenn man diese machen kann, dann kann man in diesem Bereich auch weiter gehen. Ich glaube, ich bin von den eigentlichen Fragen ein bisschen abgeschweift. Aber ich denke, es ist auch wichtig, dass man da einen Blick in die Zukunft wagt. Und ich glaube, die ganze E-Accessibility-Entwicklung ist ein wesentlicher Punkt von der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Und ich denke auch, dass da noch wesentliche Geschichten kommen werden und ich freue mich darauf.

Und ich hoffe auch, dass man mit solchen Technologien es schafft, gesellschaftlich ein Stück vorwärtszukommen.