Bedarfsgruppe Kognition – digibasics
Version 1.0
Prototyp zur Erprobung

Bedarfsgruppe Kognition

Diese Bedarfsgruppe umfasst viele verschiedene Beeinträchtigungen: Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung oder mit anderen mentalen Funktionsbeeinträchtigungen wie etwa Autismusspektrum, Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), Dyslexie, Dyskalkulie, Aufmerksamkeitsstörungen (z. B. ADHS) oder auch demente Personen (Bedarfsgruppe Kognition).

Im Rahmen dieses E-Accessibility-Lernmoduls werden meistens Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung thematisiert. Viele Tipps und Hinweise gelten aber auch für Personen mit mentalen Funktionsbeeinträchtigungen.

Gestaltungsempfehlungen

Die folgende Übersicht liefert einige Gestaltungsempfehlungen für digitale Produkte, die sich an den Bedürfnissen von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen orientieren.

Das Piktogramm zeigt einen Wegweiser mit vier Richtungen.

Übersichtlichkeit gewährleisten

Ganz allgemein: Der komplette Text oder die komplette Website sollte einer leicht überschaubaren Struktur folgen. Dazu gehört, dass Texte übersichtlich strukturiert sind, z. B. durch mehrere Absätze, Nummerierungen etc. Der Text sollte einem roten Faden folgen und wichtige Aussagen hervorheben oder nochmals zusammenfassen.

Die Navigation auf einer Website sollte leicht nachvollziehbar sein und eine eher begrenzte Aufmerksamkeitsspanne der Lesenden miteinberechnen. Dazu gehört zum Beispiel, dass Menüs nicht zu lange sind (sonst hat man nach dem siebten Menüeintrag schon wieder vergessen, was der erste war) und wichtige Informationen nicht irgendwo zwischen vielen anderen weniger wichtigen Informationen platziert werden. Programme oder Informationsangebote, die für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen designt sind, bieten häufig eine Art «Hilfeknopf» an. Für den Fall, dass man die Orientierung verloren hat, führt dieser Knopf z. B. zurück zum Startpunkt oder eben an eine Stelle, von der aus man sich wieder leichter orientieren kann.

Auch Piktogramme oder Illustrationen können dabei helfen, Inhalte leichter zu erfassen. Dafür sollte das genutzte Bild sprechend sein und nicht zu viele Details beinhalten.

Das Logo von European Easyto-Read zeigt weiss auf blau einen Smiley hinter einem Buch. Auf dem Buch hat es einen Daumen-nach-oben abgebildet.

Leichte Sprache nutzen

Wie im Bereich Leichte Sprache genauer erläutert, folgt die Leichte Sprache einem eigenen Regelwerk. Dieses Regelwerk sollte man sich genauer anschauen, wenn man Informationen für Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen verfasst. 

Kurze Sätze und die Vermeidung von (ungeläufigen) Abkürzungen, fremdsprachigen Wörtern oder Fachbegriffen sind aber schon ein guter Schritt in die richtige Richtung, um Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen das Lesen zu erleichtern. Parallel dazu, als Ergänzung, bietet sich wie gesagt der Einsatz von Bildern oder Piktogrammen an.

Ein T als Grossbuchstabe mit einem Pfeil daneben, der nach oben und unten zeigt

Leicht lesbare Schrift

Ebenfalls hilfreich ist die Nutzung eines etwas grösseren Schriftgrads (12 oder 14pt) und einer schlichten, leicht lesbaren Schriftart (ohne Verzierungen, kaum oder keine Serifen, nicht zu dünner oder kursiver Schriftschnitt). 

Dadurch können die einzelnen Buchstaben besser voneinander getrennt erfasst werden und das Lesen fällt leichter. Manche Websites bieten – unabhängig von der Zoom-Funktion des Browsers – die Möglichkeit, den Schriftgrad zu erhöhen. 

Symbol eines Internetlinks

Verlinkungen beziehungsweise Zusammenhänge zwischen verlinkten Bereichen deutlich machen

Für Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen können Verlinkungen eine Herausforderung darstellen: Wie bin ich eigentlich an die aktuelle Stelle gekommen? Wie komme ich wieder zurück? Wo kam ich eigentlich her? Was für andere Möglichkeiten habe ich (Alternativen)?

Aus diesem Grund ist es wichtig, möglichst einfache und gut nachvollziehbare Navigationswege zu nutzen. Beispielsweise sollte auf mehrstufige Verschachtelungen (z. B. Ordner innerhalb von anderen Ordnern, darin wiederum Unterordner usw.) verzichtet werden. Am besten kommen Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen mit einer linearen Lesereihenfolge zurecht – im Unterschied zu beispielsweise einem Wiki, das viele Querverweise beinhaltet.

Piktogramm von einem Pfeil in Kreisform. Die Pfeilrichtung läuft im Gegenuhrzeigersinn. Innerhalb des Kreises sind die Zeiger einer analogen Uhr abgebildet.

Eigenes Tempo erlauben

Manche Websites arbeiten mit Timern, d. h. bestimmte Inhalte werden nur für eine bestimmte Zeit angezeigt und wechseln dann automatisch (zeitgesteuerte Elemente). Das unterbindet, dass man den Text im eigenen Tempo lesen kann. Solch automatisches «Weiterblättern» sollte bei Angeboten für Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen vermieden werden. Besser ist es, wenn man selber bestimmen kann, wann man auf «Weiter» drückt, um folgende Inhalte angezeigt zu bekommen.

Videos bieten übrigens viel Potenzial für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Denn die im Video dargestellten Abläufe können jederzeit pausiert, zurückgespult und beliebig oft im eigenen Tempo konsumiert werden.

Das Piktogramm zeigt den Umriss von einem gezeichneten Kopf von der Seite in 2D. Im Kopf ist das Hirn gezeichnet. Um den Schädel gibt es kurze Striche.

Visuelle Reize abschaltbar machen

Verwandt mit dem Thema «Eigenes Tempo erlauben» ist die individuelle Konfigurierbarkeit von visuellen Reizen. Informationsanzeigen mit ständig wechselndem Text, blinkende Elemente oder stark farbige oder gemusterte Eye Catcher sollten vermieden werden. Alternativ sollte man solche Elemente abschalten können. Solche visuell stark auffälligen Elemente können von den wichtigen Informationen ablenken und allgemein zu einer Reizüberflutung (schnellere Ermüdung, Faden verlieren etc.) führen.

Das Piktogramm zeigt ein Händeschütteln.

Beziehung aufbauen

Für viele Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ist es wichtig eine Beziehung aufzubauen – auch wenn es «nur» darum geht, bestimmte Inhalte zu konsumieren. Für die Vermittlung von (digitalen) Informationen ist es daher empfehlenswert, die Zielgruppe mit einer persönlichen Ansprache zu begrüssen. Dies kann z. B. mit einem kurzen Video geschehen, oder – besser als nichts – mit einem Foto, das die Autorin oder den Autor zeigt. Die Bereitschaft, sich mit fachlichen Inhalten auseinanderzusetzen, ist schlicht höher, wenn diese Informationen von einer sympathischen, nahbaren Person präsentiert werden. Optimalerweise wird diese persönliche Ansprache in Leichter Sprache verfasst. Bei diesem «Kontaktherstellen» kann man zudem kurz auf die Struktur der Inhalte eingehen, damit diese leichter überblickt werden können. Das unterstützt wiederum die Empfehlung «Übersichtlichkeit gewährleisten», siehe oben.

Zusammenfassung

Alle diese Gestaltungsempfehlungen können auch für andere Personen hilfreich sein. Denn viele E-Accessibility-Einstellungen für Menschen mit Beeinträchtigungen helfen auch Menschen anderer Bedarfsgruppen oder Personen ohne Beeinträchtigungen.

Einige Beispiele:

  • Mobile Geräte: Auch bei «Durchschnittsbenutzer:innen» ist die Aufmerksamkeitsspanne bei der Nutzung mobiler Geräte recht gering, selbst wenn z. B. kein ADHS vorliegt. Kompakte, gut strukturierte Informationen sind also für jeden hilfreich.
  • Der Verzicht auf zeitgesteuerte Elemente kommt nicht nur Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen zugute, sondern auch Menschen mit motorischen Beeinträchtigungen.
  • Wie auch bei Personen mit Hörbeeinträchtigungen (siehe Aktivität zur «Bedarfsgruppe Hören») ist Leichte Sprache auch für Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen hilfreich.
Copyright und Bildnachweise

Alle Piktogramme, bis auf das Easyto-Read-Logo, stammen von Noun Project.

  1. Navigation by Flatart from the Noun Project
  2. © European Easyto-Read Logo: Inclusion Europe. Mehr Informationen unter https://www.inclusion-europe.eu/easy-to-read/
  3. font size by Ralf Schmitzer from the Noun Project
  4. link by Nawicon from the Noun Project
  5. clock by Alice-vector from the Noun Project
  6. Brain by BomSymbols from the Noun Project
  7. relationship by iconnut from the Noun Project