Foto: Sandra Rohner

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Wie E-Tools Piraten zum Leben erwecken

Fabio schreibt gerne Geschichten, allerdings lieber von Hand. Das Tippen am Computer hindert seinen Schreibfluss, meint er. Die Geschichte wird zum Hörbuch, illustriert mit KI-generierten Bildern. Fabio verwendet dazu eine Reihe von E-Tools. Als Hilfsmittel – nicht zum Selbstzweck – unterstützen sie sein Kreieren und Lernen. Sandra Rohner, Fachperson für Begabungsförderung, berichtet in ihrem Gastbeitrag vom dynamischen Entstehen und wie sie Fabios Lernprozess begleitet.

In Kürze zum Hören

Das Praxisbeispiel zeigt, wie mit E-Tools eine Lernumgebung für kreatives und selbstbestimmtes Arbeiten gestaltet werden kann.

Fabio hat einen Plan

Sandra Rohner berichtet: An der Primarschule Waldkirch (SG) stehen wöchentlich zwei Stunden ganz im Zeichen des Projektlernens. Wir nennen es «Wunderfitz». Die Lernenden arbeiten an einem selbstgewählten Thema und Ziel. Mehr zur Methode weiter unten.

Fabio ist in der 5. Klasse und liebt das Geschichtenschreiben. Er hat sich ein Ziel gesetzt: «Ich schreibe ein Buch!» Wenn es fertig ist, möchte er es anderen vorlesen und aufzeigen, wie spannend die Geschichtenwelt sein kann. Die Geschichte wartet in Fabios Kopf darauf, niedergeschrieben zu werden. Vier Blätter sind bereits von Hand mit Bleistift vollgeschrieben und die Geschichte über die Piraten nimmt Fahrt auf. Beim Schreiben fasziniert ihn, dass er seine Ideen und seine ganze Fantasie nutzen kann.

Bild: Entwurf der Piratengeschichte

Eine Woche später sehen wir uns im «Wunderfitz» wieder. Fabio ist bei der siebten Seite angelangt. Meine Rolle ist es jeweils, die Lernenden bei ihrer kreativen Medienarbeit zu begleiten. Im Gespräch halten wir fest, was gut läuft und wo die Stolpersteine liegen. Gemeinsam überlegen wir, «wer oder was» bei der Lösungsfindung helfen könnte. So steht bei Fabio die Frage im Raum, wie er seine spannende Geschichte illustrieren könnte. Die Möglichkeit, seine Zeilen abzutippen und als Buch zu drucken, lehnt er rundheraus ab. Der Grund: Seine Gedanken sind schneller, als seine Finger tippen können. So schreibt er weiter von Hand.

Meine Rolle ist, die Lernenden bei ihrer Arbeit zu begleiten. Im Gespräch halten wir fest, was gut läuft und wo die Stolpersteine liegen.

Im Gespräch eine Woche später kommt uns die zündende Idee: Wenn er nicht tippen möchte, warum dann nicht sprechend umsetzen? Es könnte eine Art Hörbuch entstehen.

Ein Hörbuch entsteht

Wir entscheiden uns dafür, dass Fabio seine Geschichte als Audiobeitrag aufzeichnet, denn das Vorlesen liegt ihm. Es wäre doch wundervoll, wenn er seine Fantasien auch für andere hörbar machen könnte.

Im «Wunderfitz» dokumentieren die Lernenden ihren individuellen Lernprozess in einem Portfolio. Als Instrument nutzen wir hierfür die intuitive App «Book Creator für iPads» (1). Es liegt daher nahe, in der gleichen App neben dem Reflexionsjournal ein weiteres Buch zu erstellen. Es trägt den Titel «Eine Piratengeschichte».

Fabios Plan ist folgender: In einem ersten Schritt liest er die einzelnen Kapitel vor und zeichnet sie mit dem Online-Audiorekorder «Vocaroo» (2) auf. Jede Aufnahme generiert einen QR-Code. Diese QR-Codes kopiert Fabio jeweils auf separate Seiten seines E-Books. Die Seiten sehen aber noch etwas eintönig aus. Also macht er sich im Internet auf die Suche nach passenden Bildern, wird aber nicht fündig. Plötzlich kommt er auf die Idee, die gewünschten Bilder selber mit einem KI-Tool zu erstellen.

Bild: Ausschnitt aus dem E-Book

Woher die Bilder nehmen?

Fabio testet verschiedene Bildgeneratoren. Er beginnt mit «Lexica» (3), merkt jedoch bald, dass die generierten Illustrationen nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Der Wechsel zu «Fobizz» (4) bietet nur begrenzte kostenlose Möglichkeiten, und der Stil entspricht ebenfalls nicht seinen Erwartungen. Wir suchen gemeinsam weiter.

Schliesslich gebe ich Fabio den Zugang zu meinem persönlichen Account von «Midjourney» (5). Hier stösst er auf die Herausforderung, Prompts auf Englisch zu formulieren. Mit Hilfe von «DeepL» (6) übersetzt er seine Anweisungen. Obwohl das eine oder andere Bild anfangs nicht seinen Vorstellungen entspricht, lernt er schnell, die Prompts zu präzisieren, um ein passendes Bild zu erhalten. Es macht Fabio Spass, seine Fantasien auf diese Weise zu visualisieren und bald schon kann er ganz selbständig mit diesem Tool arbeiten.

Die Tatsache, dass Midjourney kostenpflichtig ist und Fabio mit meinem persönlichen Account arbeitet, bedingt die Nutzung in meiner Nähe. Dies bringt ihn dazu, während der Ferien in die Schule zu kommen, um weiterzuarbeiten. Die Zeit vergeht dabei im Flug. Zur Abwechslung schreibt Fabio jeweils an seinem handschriftlichen Entwurf weiter, der mittlerweile 20 Seiten umfasst. Die Geschichte ist noch lange nicht fertig, wie er sagt, was seine anhaltende Begeisterung und sein Engagement für das Projekt demonstriert.

Selbstbestimmtes Projektlernen

Es ist beeindruckend, was Fabio neben dem Schreiben seiner Geschichte alles gelernt hat. Hier bringt die Methode des «Projektlernens» grosse Vorteile, denn sie erlaubt jedem Kind, seinen individuellen Interessen und Neigungen nachzugehen. Fabios Erfahrung zeigt, wie wirkungsvoll es sein kann, wenn Lernenden der Freiraum bei der Gestaltung ihres eigenen Lernprozesses gewährt wird.

Fabios Erfahrung verdeutlicht, wie wirkungsvoll es sein kann, wenn Lernende ihre individuellen Lernwege selbst gestalten können.

Das «Projektlernen» (7) ermöglicht selbstbestimmtes Lernen. Dabei werden kritisches Denken gefördert und Eigenverantwortung gestärkt. Der Lernprozess wird durch das Portfolio bewusst und sichtbar gemacht. Die Lernenden bewältigen «echte» Herausforderungen und bauen so ihr Vertrauen in die eigene Problemlösungsfähigkeit und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit auf. Im Zusammenspiel mit geweckter Motivation und aktivierten Ressourcen kommt der «Stolzkreislauf» so richtig in Schwung. Im Idealfall hält der Schwung die ganze Woche an. Insgesamt zeigt sich, dass Softskills, die sich Lernende in den Projektlernstunden dank praktischer Erfahrung aneignen, auch den normalen Schulunterricht positiv beeinflussen.

Autorin: Sandra Rohner, Fachperson Begabungsförderung und Schulentwicklung Schule Waldkirch-Bernhardzell (SG) (8)

Zur Vertiefung

  1. Book Creator für iPads – Eigene E-Books mit Text, Bild und Audios gestalten und veröffentlichen. Alternative für jüngere Lernende: Schreiblabor von Constructor
  2. Vocaroo – Sprachaufzeichnungsdienst im Internet
  3. Lexica – KI-gestützte Bilddatenbank. Monatlich können 100 Bilder kostenfrei erstellt werden.
  4. Fobizz – Datenschutzkonforme Plattform für digitales Lernen, interaktive Inhalte und KI-generierte Bilder.
  5. Midjourney (via Discord) – Kostenpflichtiges Tool zur Bildgenerierung. Siehe auch den Beitrag «Bilder generieren statt Google-Suche».
  6. DeepL – Online-Übersetzungsdienst. Hilfreiche kostenlose Version
  7. Zur Projektmethode und zum Projektunterricht
  8. Weiterbildung zum Projektlernen – Angebote von Sandra Rohner zur Auseinandersetzung mit der Methode.

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