Gemeinsames Brainstorming, Diskussionsrunden und Gruppenarbeiten sind uns allen bekannt – sie sind längst ein fester Bestandteil heutiger Lern- und Lehrkulturen. Doch was passiert, wenn wir dieses «Miteinander» noch einen Schritt weiterdenken? Genau hier setzt das Konzept der Co-Kreation an: als gemeinsamer Prozess, in dem Ideen, Wissen und Perspektiven nicht nur nebeneinanderstehen, sondern zusammen etwas Neues hervorbringen. Denn manchmal ergibt 1 + 1 eben mehr als 2.
In Kürze zum Hören
Partizipation, Kollaboration, Kooperation oder Co-Kreation?
Gemeinsames Handeln hat viele Namen. Begriffe wie Partizipation, Kollaboration, Kooperation oder Co-Kreation begegnen uns. Doch ihre Bedeutungen und Unterschiede sind oft nicht klar voneinander abzugrenzen. Bei der Partizipation geht es in erster Linie um Beteiligung: Menschen machen mit, bringen sich ein oder werden in bestimmte Prozesse einbezogen – etwa wenn Lernende Rückmeldung zu einem Unterrichtsformat geben oder einzelne Teile eines Kurses mitbestimmen können. Sie übernehmen dabei meist einen Teilaspekt, ohne den gesamten Prozess mitzugestalten.
Bei einer Kollaboration arbeiten die Beteiligten zusammen an einer Aufgabe. Ein Referat zu einem bestimmten Thema beispielsweise gemeinsam vorbereitet. Die Beteiligten recherchieren zusammen, formulieren Texte zusammen, überarbeiten gegenseitig ihre Beiträge, etc. Ein Ausgangspunkt oder ein Ziel ist dabei häufig bereits vorgegeben und die Beteiligten wirken gemeinsam auf dieses hin.
Kooperation wiederum meint eine Form des Zusammenarbeitens, bei der Rollen, Zuständigkeiten oder Kompetenzen eher klar verteilt sind. Eine Fotografin und ein Grafiker arbeiten beispielsweise gemeinsam an einem Magazin: Die einzelnen Beiträge entstehen zunächst separat oder parallel und werden anschliessend zu einem Ganzen zusammengeführt.
Co-Kreation zielt auf mehr als Zusammenarbeit. Bereits im Begriff steckt das Schöpferische: Es geht darum, miteinander etwas hervorzubringen, das vorher noch nicht da war. Lehrende und Studierende entwickeln gemeinsam ein neues Seminarformat oder erarbeiten zusammen Regeln und Rituale für den Unterricht. Am Anfang steht dabei oft kein klar definiertes Ziel, sondern eher ein offener Prozess, eine Herausforderung oder eine Fragestellung. Im Austausch entwickeln die Beteiligten neue Lösungsansätze und bringen von Beginn an unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen, Wissensbestände und Verantwortungen in diesen schöpferischen Prozess ein. (1)
Bild: Formen der Zusammenarbeit. (Artemisia Astolfi, ZHdK)
Warum lohnt sich Co-Kreation?
Welches Potenzial birgt Co-Kreation für Lehre und Lernen und warum lohnt es sich, diesen zusätzlichen Aufwand auf sich zu nehmen? Co-Kreation eröffnet die Möglichkeit, Wissen nicht nur zu vermitteln, sondern gemeinsam hervorzubringen und weiterzuentwickeln. In einer Welt, in der Problemstellungen immer komplexer werden, schaffen unterschiedliche Perspektiven neue Denkräume und helfen dabei, blinde Flecken sichtbarer zu machen. So entstehen oft bedarfsorientiertere und mitunter auch überraschendere Ergebnisse. Wird zum Beispiel ein Seminarformat gemeinsam entwickelt, können dabei neue Ideen zu Prüfungsformen, eine neue Gestaltung des Lernraums mit veränderter Sitzordnung, gemeinsam bestimmten Bewertungskriterien oder anderen Arten der Inhaltsvermittlung entstehen – Vorschläge also, an die die Lehrperson allein vielleicht gar nicht gedacht hätte. Gleichzeitig stärkt diese Form der Zusammenarbeit die Zufriedenheit, Motivation und das Selbstvertrauen. (2)
Wer mitgestalten kann, fühlt sich wertgeschätzt und erlebt, dass die eigene Stimme etwas bewirken kann. Mitwirkung erhöht die Identifikation mit dem gemeinsam Entwickelten, erleichtert Veränderungen und fördert Empathie sowie gegenseitigen Respekt. Wenn Lernende und Lehrende co-kreativ zusammenarbeiten, kann dies nicht nur zu besseren Lernergebnissen und inklusiveren Praktiken führen, sondern auch zu lebendigeren Lernumgebungen und vertrauensvolleren Beziehungen beitragen. (3)
Weshalb ist Co-Kreation nicht immer einfach?
Das klingt alles schön und gut, ist in der Praxis aber manchmal gar nicht so einfach gemacht. Denn manchmal würden wir Entscheidungen lieber selbst treffen und Ideen genauso umsetzen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Gemeinsames Tun bedeutet auch, ein Stück Kontrolle abzugeben, andere machen zu lassen und Kompromisse einzugehen. Es gehört manchmal dazu, eigene Ideen loszulassen und anzuerkennen, dass ein anderer Vorschlag besser passt – kill your darlings.
Die eigene Vorstellung zu öffnen und über das «noch-nicht-Vorstellbare» nachzudenken, ist oft herausfordernd. (4) Dadurch können co-kreative Prozesse komplexer und aufwendiger werden als individuelles Arbeiten. Gerade zu Beginn, wenn gemeinsame Ziele, Begriffe oder Richtungen ausgehandelt werden, ist oft mehr Zeit nötig, weil sich die Beteiligten zunächst aufeinander einstellen müssen. So kann ein «Zusammen» manche Prozesse zwar beschleunigen – weil mehr Hände, Köpfe und Perspektiven mitwirken –, zugleich kann es sie aber auch verlangsamen, weil mehr hinterfragt, diskutiert und abgestimmt wird.
Eine weitere Herausforderung liegt in der Frage der Autorenschaft: Wer trägt am Ende die Verantwortung für das gemeinsam Entwickelte, insbesondere dann, wenn kritische Stimmen auftauchen? Daran anschliessend: (Wie) können oder sollen co-kreativ entstandene Leistungsnachweise bewertet werden?
Bild: Co-Kreation als Prozess. (Artemisia Astolfi, ZHdK)
Was braucht es, damit Co-Kreation gelingt?
Gerade die Herausforderungen machen deutlich, dass ein solches «Miteinander» Mut und vor allem Offenheit verlangt. Es braucht einen Raum, in dem Ideen wertfrei platziert werden können und eine Kultur, die andere Perspektiven, Vorschläge und Denkweisen respektiert und willkommen heisst.
Inklusion ist dabei zentral: Nur wenn ein breites Spektrum an Stimmen und Erfahrungen vertreten ist, kann Co-Kreation ihr Potenzial entfalten. Ebenso wichtig sind gemeinsame Neugier, ein geteilter Sinn oder ein gemeinsames Ziel, auf das hingearbeitet werden kann. Damit die verschiedenen Perspektiven nicht nur gesammelt, sondern auch produktiv zusammengeführt werden, lebt Co-Kreation ausserdem von Struktur und Orientierung. Dabei stellt sich immer wieder die Frage: Was bremst den Prozess und was fördert ihn?
Co-Kreation an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)
Ein Beispiel, das das Potenzial selbstorganisierten und co-kreativen Lernens sichtbar macht, ist die Veranstaltungsreihe «Prompt me a Pizza» an der ZHdK. An diesen Abenden wird in einem offenen, co-kreativen Setting jeweils ein Tool oder eine Technologie gemeinsam erprobt. In den letzten Editionen standen etwa Google NotebookLM und Vibe Coding im Fokus. Nach einem kurzen Input durch eine Fachperson können die Teilnehmenden das Tool direkt ausprobieren, gemeinsam erkunden und voneinander lernen. Besonders an diesem Format ist, dass es sich an alle Menschen der ZHdK richtet – an Mitarbeitende, Dozierende und Studierende. So kommen unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Wissensstände zusammen. Zum Abschluss gibt es Pizza und Raum für weiteren Austausch.
Lernmodul «Werkzeugkiste für co-kreative Lern- und Lehrdesigns»
Wer neugierig geworden ist und co-kreative Settings im eigenen Unterricht integrieren und erproben möchte, kann Ende Jahr das auf der Digibasics-Plattform erscheinende Lernmodul Werkzeugkiste für co-kreative Lern- und Lehrdesigns nutzen. Das Modul bietet eine konkrete Toolbox mit Ideen, Methoden und Formaten rund um das Thema Co-Kreation und lädt dazu ein, neue Ansätze für die eigene Lehrpraxis kennenzulernen und weiterzudenken.
Autorin: Artemisia Astolfi, ZHdK
20.8.26
Zur Vertiefung
- Jascha Rohr, Die große Kokreation. Eine Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen, Hamburg: Murmann Publishers, 2023.
- Maren Omland, Magnus Hontvedt, Fazilat Siddiq, Anja Amundrud, Hege Hermansen, Maiken A. S. Mathisen, Gudrun Rudningen und Frederik Reiersen, «Co-creation in higher education: a conceptual systematic review», in: Higher Education, 2025.
- Tanya Lubicz-Nawrocka, «Conceptualisations of curriculum co-creation: ‘it’s not them and us, it’s just us’», in: Curriculum Perspectives, 2023.
- Esther M. A. Geurts, Rianne P. Reijs, Hélène H. M. Leenders, Maria W. J. Jansen und Christian J. P. A. Hoebe, «Co-creation and decision-making with students about teaching and learning: a systematic literature review», in: Journal of Educational Change, 2024.
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