#KünstlicheIntelligenz
#LernenUndLehren
#Robotik
Schwierige Gespräche mit dem KI-Avatar üben

Gespräche mit Erziehungsberechtigten sind wichtig und anspruchsvoll, lassen sich in der Ausbildung aber nur schwer üben. Im Projekt «PARENTA» erweitern Studierende ihre Erfahrungen unter anderem durch Gespräche mit KI-gestützten Erziehungsberechtigten-Avataren – am Bildschirm oder mit VR-Brille – und reflektieren das Gespräch direkt im Anschluss mit einem digitalen Coach.

Schwierige Gespräche mit dem KI-Avatar üben, mit Avataren reden – am Bildschirm oder in VR
Bild: Desktopbasierte Simulation über Laptop

In Kürze zum Hören

Anspruchsvolle Gespräche mit Erziehungsberechtigten – aber kaum übbar 

Ein Schüler fällt durch eine Prüfung und seine Erziehungsberechtigten erscheinen aufgebracht im Lehrerzimmer. Eine Schülerin spricht nicht mehr in der Klasse, und die Erziehungsberechtigten wollen wissen, wie die Lehrpersonen damit umgehen. In einer anderen Familie eskaliert ein Konflikt mit Jugendlichen über soziale Medien. Solche Gespräche gehören zum Beruf einer Lehrperson, aber an Hochschulen können Studierende diese nur begrenzt üben. Klassische Rollenspiele sind aufwendig, sozial anspruchsvoll und für viele Studierende mit Hemmung verbunden. Genau diese Lücke schliesst das neue, KI-basierte Training «PARENTA» an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Schwierige Gespräche gehören zum Beruf einer Lehrperson, aber an Hochschulen können Studierende diese nur begrenzt üben.

Mit Avataren reden – am Bildschirm oder in VR 

Im Training mit der KI-basierten Avatar-Plattform «PARENTA» (1) führen Studierende Gespräche mit Erziehungsberechtigten-Avataren. Diese Avatare sprechen, reagieren und ändern ihr Verhalten je nachdem, wie das Gespräch verläuft. Drei Szenarien stehen zur Verfügung: ein Gespräch zum Übertritt in die nächste Schulstufe, eines zur Schulangst einer Schülerin und ein weiteres zum Thema Cybermobbing. Studierende wählen frei, mit welchem Szenario sie beginnen. Sie können die Gespräche so oft sie wollen wiederholen.

Das Training läuft in zwei Varianten: In der VR-Variante setzen Studierende ein Headset auf. Über den sogenannten Passthrough-Modus bleibt der reale Raum sichtbar, sog. Augmented Reality (2). Der Erziehungsberechtigten-Avatar erscheint lebensgross.

Schwierige Gespräche mit dem KI-Avatar üben, mit Avataren reden – am Bildschirm oder in VR
Schwierige Gespräche mit dem KI-Avatar üben, mit Avataren reden – am Bildschirm oder in VR

AR-Headset im Passthrough-Modus

Desktopbasierte Simulation über Laptop

In der Desktop-Variante öffnen Studierende das Tool im Browser am Laptop und sprechen über das Mikrofon mit dem Avatar. Beide Varianten verwenden dieselbe Logik. Die Desktop-Variante eignet sich gut für reguläre Lehrveranstaltungen oder Selbstlernphasen, weil sie wenig Aufbau braucht und auch zu Hause funktioniert. Die VR-Variante erzeugt mehr räumliche und soziale Nähe und damit oft auch mehr Anspannung, was im Sinne eines Trainings wertvoll ist. Diese Variante erfordert die Verwendung von VR-Headsets, welche die Studierende von der PHZH ausleihen können, jedoch nur für beschränkte Zeit benutzen können.

Der Coach-Avatar führt durch die Reflexion 

Auf das Gespräch folgt die Reflexion mit einem Coach-Avatar. Der KI-Coach greift Sequenzen aus dem geführten Gespräch auf, stellt Rückfragen, nimmt Bezug zum Konzept der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg (3) und lädt zu aktiver Reflexion ein. Die Studierenden lernen, ihre Beobachtungen von Bewertungen zu unterscheiden, benennen Gefühle und Bedürfnisse und üben das bewusste Formulieren von Äusserungen. Diese aktive Brücke zwischen Erleben und Theorie macht den Unterschied zu einer reinen Gesprächssimulation.

Was Studierende sagen 

Nach den ersten Erprobungen des KI-basierten Trainings liegen Rückmeldungen von Studierenden vor, die noch wenig Erfahrung mit echten Gesprächen mit Erziehungsberechtigten mitbringen. Sie beurteilen das Training als «realitätsnah» und «hilfreich für die Vorbereitung». Eine Studierende schreibt, sie sei «positiv überrascht vom authentischen Erlebnis und der Bedienung» gewesen. Man fühle sich, als würde ein «echtes» Gespräch stattfinden. Das Training habe ihr eine «konkrete Lerngelegenheit» eröffnet. Andere Stimmen berichten, dass sie nach dem ersten Gespräch gerne länger mit dem KI-Avatar gesprochen hätten.

Die Antworten waren authentisch. – Man fühlt sich, als würde ein echtes Gespräch stattfinden. 

Weiter liegen wertvolle Hinweise zur Weiterentwicklung vor: Manche Avatare unterbrechen das Gespräch zu häufig, einzelne Szenarien wirken repetitiv, die Reflexion des Coach-Avatars fokussiert zu eng auf negative Punkte. Diese Rückmeldungen sind in die aktualisierte Version eingeflossen und werden in den laufenden Erhebungen weiter überprüft.

Übertragbar und offen für andere Bereiche 

Das Training ist als modulares Tool auf dem Simulationstrainer XARA (1) aufgebaut. Der Gesprächsanlass, die Rollenbeschreibung des Gegenübers und der Reflexionsfokus lassen sich anpassen, ohne dass die Software verändert werden muss. Damit ist XARA grundsätzlich auch für andere Berufs- und Hochschulkontexte interessant, in denen anspruchsvolle Gespräche zum Berufsbild gehören, etwa für Pflegeausbildungen, für Beratungsberufe oder für Führungskräftetrainings.

Ein Avatar schafft einen geschützten Raum, in dem geübt werden darf. 

An anderen Schweizer Hochschulen laufen bereits vergleichbare Anwendungen, beispielsweise im Bereich der Pflegekommunikation an der Careum Hochschule Gesundheit (4) oder an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (5). Voraussetzung für einen sinnvollen Einsatz bleibt die didaktische Einbettung: Ein Avatar ersetzt weder das echte Gespräch noch die Begleitung durch eine erfahrene Lehrperson oder Dozierende. Aber er schafft einen geschützten Raum, in dem geübt werden darf, was im Beruf irgendwann ernst wird und in dem Fehler nichts kosten ausser einer zweiten Runde.

Autor:innen: Tobias M. Schifferle, Martin Berger, Simone Herzog (PHZH) 

15.07.26

Zur Vertiefung

  1. PARENTA basiert auf der KI-Avatar-Plattform XARA: Plattform für sprachbasierte Trainings mit Erziehungsberechtigten- und Coach-Avataren in VR und im Browser.
  2. Der Beitrag «Virtuelle Welten fürs Lernen» gibt einen Überblick in die verschiedenen Anwendungen von Virtual Reality.
  3. Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg.
  4. Der Beitrag «Virtual Reality in der Gesundheitsausbildung» präsentiert VR-gestütztes Training, beispielsweise VR-Simulationen für Pflegeabläufe
  5. Der Beitrag «Mit KI Gespräche üben» berichtet über KI-basierte Rollenspiele von Studierenden der HfH. 
  6. Berichterstattung der PH Zürich über das Immerse Lab. Hintergrund zur Entstehung des Trainings, zu den Szenarien und zum interdisziplinären Team von ZHAW, UZH und PHZH. 
  7. SRF-Tagesschau — Beitrag über das Training. Nationale Berichterstattung zum Trainingsformat als Vorbereitung auf anspruchsvolle Elterngespräche.

Feedback

Ich fand diesen Text hilfreich:

Beim Speichern deiner Bewertung ist ein Fehler aufgetreten.

Vielen Dank für deine Bewertung.